Hotel New Yorker

Hotel New Yorker

 

Vor dem Eingang zum Hotel New Yorker in der 8th Avenue saß wie jeden Tag auch am 25. Dezember des Jahres 1941 ein hagerer alter Mann auf einer Bank und beobachtete die Tauben auf dem Platz. Vorbeigehenden, die ihn anredeten, ihm eine Münze zusteckten und ihm frohe Weihnachten wünschten, zeigte er eine bestimmte Taube und erklärte ihnen, er kenne diese Taube nun seit acht Jahren und liebe sie sehr. Er habe sie Elsie genannt und für den Fall ihres Ablebens schon vorgesorgt und bei einem Steinmetz einen Grabstein für sie in Auftrag gegeben. Diese Taube sei intelligenter als alle anderen Tauben in New York City – und vor allem nicht so verfressen und dick. Die Passanten hörten ihn freundlich an und nickten, ohne erkennen zu können, welche von den hunderten Tauben, die alle gleich aussahen, er wohl meinte. Manche sagten, dass es sich bei diesem Mann um den Erfinder Nikola Tesla handle, der verrückt geworden sei und die Millionen, die er mit seinen Erfindungen verdient habe, dafür ausgab, bis zu seinem Tod im Hotel zu logieren und auf seinem Zimmer Schriften gegen die Fettleibigkeit zu verfassen. Andere behaupten, der Mann sei ein Obdachloser, dem die Stadt New York jedes Jahr zu Weihnachten ein kostenloses Busticket nach Los Angeles schenke, damit er endlich aus der Stadt verschwinde.

Wurstbrote

Wurstbrote

 

Als vor der Einsegnung des verstorbenen Schneidermeisters Zabransky der Sarg noch einmal geöffnet wurde, stellten die Trauergäste fest, dass sich darin die Leiche eines unbekanntes Mannes befand. Das Begräbnis musste abgesagt werden. Die Leiche der nach der Flugzeugkatastrophe am Monte Redondo auf den Azoren ums Leben gekommenen französischen Violinvirtuosin Ginette Neveu wurde sechsunddreißig Stunden vor dem bereits festgesetzten Begräbnis von ihrem Bruder als die eines anderen Opfers des Flugzeugunglücks bezeichnet, obwohl der Familienarzt vorher die Leiche als die von Mademoiselle Neveu erkannt haben wollte. Angeblich, so der Arzt, hatte sie auch noch als Tote ihre Stradivari fest umklammert gehalten. Das Leichenbegängnis wurde abgesagt. Später wurde festgestellt, dass es sich bei dem angeblichen Bruder nicht um den Pianisten Jean-Paul Neveu gehandelt haben konnte, da dieser ebenfalls im selben Flugzeug gesessen und bei dessen Absturz umgekommen war. An diese beiden Fälle, über die er kurze Chronikberichte verfasst hatte, dachte der Korrespondent Huitzinger, als er vor dem Begräbnis des Chefredakteurs Felsenthal in der Leichenhalle stand und von der Kleinheit oder besser Kürze des Sarges überrascht war. Felsenthal war von großer Statur gewesen und wenn Huitzinger im Stehen mit ihm geredet hatte, hatte er immer nach oben blicken müssen und Wurst- und Brotreste aus Felsenthals Mund waren aus großer Höhe auf ihn herabgeregnet. Überhaupt war Felsenthal für seine gigantischen Wurstbrote bekannt gewesen. Der angebliche Felsenthal, der nun angeblich in diesem kleinen Sarg lag, hätte – dachte der Korrespondent Huitzinger auf dem Begräbnis – mit den Wurstbroten des wirklichen Redakteurs Felsenthal keine Freude gehabt.