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02.10.2019 – Erdenfern

Zwar habe ich mir vorgenommen, mir die restlichen Tage meines Lebens alle einzeln zu merken, indem ich ein markantes Detail pro Tag memoriere, aber ich hatte anderes zu tun und verschiebe den Beginn des Projekts auf 1. Januar 2020. Ich habe keine Ahnung mehr vom 2. Oktober 2019: Wetter, Ereignisse, Ereignislosigkeit – alles ist weg.

Dafür finde ich die Skizze zu einem Text, den ich seit Jahren im Kopf habe, und der sich mit Beethoven beschäftigt. Bzw. da ich es nicht schaffe, über Beethoven zu schreiben, habe ich einen Workaround erfunden. Ich denke, es ist Zeit, vor dem Beethovenjahr 2020, das uns mit Literatur zum Thema erschlagen wird, die Sache rechtzeitig zu Ende zu bringen. Es geht darin um das Streichquartett Nr. 13, dessen fünfter Satz – so lese ich in einer Zeitung aus dem Jahr 1947 – erdenfern ist (nur 2.030 Google-Treffer für erdenfern) und um einen äußerst bedauernswürdigen Zeitgenossen. Erster Entwurf:

Schallplatte

Der Musiklehrer Gmoser begann im September 1955, nachdem er zweimal die Schule gewechselt hatte, im dritten Jahr seiner Lehrtätigkeit im dritten Gymnasium zu unterrichten. In der ersten Unterrichtsstunde vor der Klasse 5B legte er eine Schallplatte auf, spielte Beethovens 13. Streichquartett, Op. 130, vor und redete, bis das Läuten der Schulglocke die Stunde beendete, davon, dass er die in der Cavatina im fünften Satz vertonte Einsamkeit Beethovens erst verstanden habe, als er mit einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei. In der zweiten Unterrichtsstunde in der 5B legte Gmoser eine Schallplatte auf, spielte Beethovens 13. Streichquartett vor und redete bis zum Ende der Stunde darüber, dass er die in der Cavatina vertonte und durch die Wiederholung des Hauptteils ins Ausweglose gesteigerte Einsamkeit des ertaubten Beethoven erst verstanden habe, als er mit einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei. Nach der Stunde wurde Gmoser von zwei Schülerinnen darauf aufmerksam gemacht, dass das Streichquartett Beethovens bereits in der vorhergehenden Stunde durchgenommen worden sei. Der Musiklehrer Gmoser entschuldigte sich für das Versehen und verließ die Klasse. In der nächsten Unterrichtsstunde legte Gmoser eine Schallplatte auf, spielte Beethovens 13. Streichquartett vor und erklärte dann, dass er die in der Cavatina vertonte Einsamkeit des damals bereits völlig ertaubten Beethoven erst verstanden habe, als er im Alter von einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei, ja, dass die Bezeichnung Cavatina und die Bedeutung des lateinischen Wortes Cava zeigten, dass Beethoven mit diesem Stück sein, also Gmosers, Schicksal, bereits im Jahr 1826 vorausgeahnt habe. Nach der achten Musikstunde beschwerten sich die Klassensprecher der 5B bei der Direktion darüber, dass Gmoser immer dieselbe Stunde hielt, und erfuhren, dass die Klassen 7A, 3A und 3C bereits dieselbe Beschwerde eingebracht hatten.