Ohrfeigen

Ohrfeigen

 

Dass der Bibliothekar Interkörner über die Berichte Kammerlanders von seinem schweren Herzleiden regelrecht bestürzt war, wollte bei der Silvesterfeier im Haus des Chirurgen Wohlmuth niemand glauben. So wie Kammerlander als Hypochonder galt, der jede Woche unter einer anderen schweren Krankheit zu leiden vorgab, hielt man Interkörner für einen Zyniker, der sich über alle Menschen ohne Gnade lustig machte. Als Interkörner Kammerlander mit vollem Ernst eine Eigenharnkur gegen sein Herzleiden empfahl, begann der Chirurg Wohlmuth zu grinsen. Mit noch größerem Ernst erklärte Interkörner, dass der indische Ministerpräsident Morarji Desai und der Viktringer Distriktsarzt Oberndorfer, die Eigenharnkur nicht nur empfohlen, sondern Bücher darüber geschrieben hätten. Das daraufhin ausbrechende Gelächter Wohlmuths verärgerte Interkörner dermaßen, dass er ein Taxi rief, zu sich nach Hause fuhr, die erwähnten Bücher aus seiner Bibliothek holte und sie — wieder mit dem Taxi bei den Wohlmuths angekommen — vor den Augen des Chirurgen Wohlmuth auf den Tisch knallte. »Hier sind die Bücher«, sagte der Bibliothekar Interkörner zum Chirurgen Wohlmuth, »und jetzt sag mir, dass ich einen Scherz gemacht habe!« Daraufhin versetzte der Bibliothekar Interkörner dem Chirurgen Wohlmuth drei Ohrfeigen. Bis heute erzählen Menschen, die diese Szene nicht miterlebt haben können, weil sie damals noch nicht geboren waren, von den drei Ohrfeigen, die Wohlmuth bei seiner Silvesterfeier bekommen hatte. Vom Tod Kammerlanders, der zwei Monate nach der Silvesterfeier bei den Wohlmuths eintrat, wissen sie nichts.