Schallplatte

Schallplatte

 

Der Musiklehrer Gmoser begann im September 1955, nachdem er zweimal die Schule gewechselt hatte, im dritten Jahr seiner Lehrtätigkeit im dritten Gymnasium zu unterrichten. Da man einen Musiklehrer suchte, war seine Anstellung ein Formalakt. Dass Gmoser wortkarg war, mit seinen Kolleginnen und Kollegen nicht redete und nach seinem Befinden befragt keine Antwort gab, wurde ihm zunächst als Zurückhaltung ausgelegt. Dass er auch bei Lehrerkonferenzen beharrlich schwieg, allerdings alle paar Minuten zum Fenster lief, es öffnete und nach Luft schnappte, wurde damit erklärt, dass er einer der wenigen Nichtraucher im Lehrkörper war. In der ersten Unterrichtsstunde vor der Klasse 5B legte Gmoser eine Schallplatte auf, spielte den fünften Satz von Beethovens 13. Streichquartett, Opus 130, vor und redete, bis das Läuten der Schulglocke die Stunde beendete, davon, dass er die in der Cavatina vertonte Einsamkeit Beethovens erst verstanden habe, als er mit einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei. Nach der Stunde nahm Gmoser die Schallplatte vom Plattenteller, steckte sie in die Hülle, verstaute sie in der zerschlissenen Stofftasche, die er immer an seiner Schulter trug, und verließ den Musiksaal. Das Gelächter der Schülerinnen und Schüler, die seine Kleidung, seine kauzige Art, seinen Haarschnitt und die seltsame Aussprache des Nachnamens Beethoven mit Betonung auf der zweiten Silbe amüsierte, war während der Stunde nie verstummt, schwoll aber bedrohlich an, als er Klasse verließ. In der zweiten Unterrichtsstunde in der 5B legte Gmoser eine Schallplatte auf, spielte den fünften Satz von Beethovens 13. Streichquartett vor und redete bis zum Ende der Stunde darüber, dass er die in der Cavatina vertonte und durch die Wiederholung des Hauptteils ins Ausweglose gesteigerte Einsamkeit des ertaubten Beethoven erst verstanden habe, als er mit einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei. Nach der Stunde wurde Gmoser von zwei Schülerinnen darauf aufmerksam gemacht, dass das Streichquartett Beethovens bereits in der vorhergehenden Stunde durchgenommen worden sei. Der Musiklehrer Gmoser entschuldigte sich für das Versehen und verließ die Klasse. Die nächste Unterrichtsstunde Gmosers begann mit unheilvollem, nicht endendem Gelächter der Schülerinnen und Schüler der 5B, gegen das der Musiklehrer kein einziges Mal Protest einlegte. Stattdessen legte er eine Schallplatte auf, spielte den fünften Satz von Beethovens 13. Streichquartett vor und erklärte dann, dass er die in der Cavatina vertonte Einsamkeit des damals bereits völlig ertaubten Beethoven erst verstanden habe, als er im Alter von einundzwanzig Jahren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg dreizehn Tage lang verschüttet gewesen sei, ja, dass die Bezeichnung Cavatina und die Bedeutung des lateinischen Wortes Cava zeigten, dass Beethoven mit diesem Stück sein, also Gmosers, Schicksal, bereits im Jahr 1826 vorausgeahnt habe. Nach der achten Musikstunde beschwerten sich die Klassensprecher der 5B bei der Direktion darüber, dass Gmoser immer dieselbe Stunde hielt. Der Direktor nahm den Bericht zur Kenntnis und versprach, sich dieser Sache anzunehmen. In den folgenden Tagen wurden von den Klassen 7A, 3A und 3C Beschwerden gleichen Inhalts eingebracht.