Das Stimmwunder Alinde Korkesch

Das Stimmwunder Alinde Korkesch

 

Mir ist kein Mensch bekannt, der nicht behauptet, jemand zu kennen, der jemand kennt, der behauptet, jenen Abend in Köln miterlebt zu haben, an dem die Stimmkünstlerin Alinde Korkesch zum ersten Mal an die Öffentlichkeit trat. Seit diesem legendären Abend galt Korkesch als das Genie in Rezitation, Gesang und Stimmenimitation. Ihre Abende waren monatelang im Voraus ausverkauft. Anderthalb Jahre nach Korkeschs Auftritt in Köln berichtete mir Altrichter, dass er es geschafft habe, eine Karte für den Abend Die Stimmen von Pompeji zu bekommen, zu dem Alinde Korkesch auch den Text selbst verfasst hatte. Korkesch sei, so Altrichter, nach einer Kieferoperation schwer angeschlagen gewesen und habe das Sprechstück aus diesem Grund in stark gekürzter Form in beinahe unhörbarer Lautstärke vorgetragen. Man habe aber ihr Genie, die enorme Kraft und Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme, gerade unter diesen eingeschränkten Bedingungen mehrmals aufblitzen sehen, so Altrichter. Ein halbes Jahr später erzählte mir Jacobi, der Berichterstatter einer lokalen Zeitung, von einem Auftritt Alinde Korkeschs in Gummersbach. Angekündigt war ein neues Sprechstück mit dem Titel Ein Nachmittag in der Flüstergalerie. Jacobi berichtet, dass Korkesch, einen langen Baumwollschal mehrfach um den Hals geschlungen, sitzend vor dem Publikum Platz genommen hatte. Der Kulturbeauftragte von Gummersbach dankte in seinen einleitenden Worten, die auch eine ausführliche Biografie von Alinde Korkesch enthielten, der Künstlerin dafür, dass sie trotz einer starken Verkühlung den Abend bestreite. Schon kurz nach Beginn der Vorstellung riefen etliche Zuschauer aus den hinteren Reihen »Bitte lauter!« und »Lauter, bitte!«, wodurch das Publikum in den vorderen Reihen sich gestört fühlte und Alinde Korkesch den Vortrag für mehrere Minuten abbrechen musste, bis wieder Ruhe herrschte. Der Tontechniker, der hinter dem Publikum an einem Mischpult saß, wurde von dem neben ihm stehenden Kulturbeauftragten ständig bedrängt, die Verstärkung von Alinde Korkeschs Mikrofon lauter zu machen, bis schließlich, so Jacobi, eine Rückkoppelung entstand, die dazu führte, dass das gesamte Publikum sich die Ohren zuhielt, Alinde Korkesch sich erhob und die Bühne verließ. Als Jacobi wieder hören konnte, soll der Tontechniker zum Kulturbeauftragten gesagt haben: »Aber fesch ist sie schon, diese Korkesch!« Vergangenes Jahr hätte ich die Möglichkeit gehabt, in Mangolding einen Vortrag von Alinde Korkesch zu hören. Die Karten waren einfach zu bekommen, denn zu diesem Zeitpunkt kam der Kunstmaler Hornung in die Gegend und kündigte an, während der totalen Sonnenfinsternis vor Publikum einen Gemäldezyklus zu erstellen, und kaum jemand interessierte sich mehr für Alinde Korkesch. Auch ich entschied mich dazu, dem Dunkelheitsmaler Hornung zuzusehen, der heute, nur ein Jahr später, bereits wieder völlig in Vergessenheit geraten ist.