24.02.2017 – Der Zeitgeschmack des großen Haufens

UNDO ● II. Geologenhammer
24.02.2017 ● Der Zeitgeschmack des großen Haufens

 

Eine Woche Kranksein hat mich gehindert, zum 18. Februar 1991 zurückzukehren. Doch gestern ging ich wieder zur Therapie, kaufte aber schon davor die Zeitung. In der Trafik stand eine Dame in schwarzem Pelzmantel, die eine Banane aß, während die Trafikantin von einer Pferdestallung erzählte. Da sind drei wilde Ponys, die ständig ausschlagen und einander gegenseitig verletzen, sagte sie – oder so ähnlich.

Gestern habe ich mich gefreut, als Kinga gekommen ist. Aber natürlich habe ich auf sie nicht anders gewirkt, als auch sonst immer am verdammten Tag des 18. Februar 1991. Sie blickt mich nicht an, als wir die Währinger Straße entlanggehen. Als erstes nennt sie das Zeitungsverbot. Dann die Schuhe. Dann das Verbot, den Flügel zu berühren. Den Flügel im Salon. Im Salon. Man darf nicht über Mozart sprechen, aber es gibt einen Salon im Haus Tóth. Und tatsächlich fällt es mir erst heute auf. Nachdem László Tóth seine Geschichte über Tóth László und seine Attacke auf die Pietà erzählt hat, stehe ich mit Protschka neben dem Flügel. Im Salon.

Eine großartige Geschichte, finden Sie nicht, sagt Protschka. Ich nicke. Ganz vorsichtig berühre ich mit meinem Zeigefinger, der ein wenig fettig ist (von der Erdnüssen), den Flügel. Ich wollte Sie fragen, ob Sie in Monaten März, April und Mai einen gut-bezahlten Job machen könnten. Protschka lächelt. Kinga hat recht – er grinst immer. Was für einen Job?, frage ich.

Sie wissen doch, heuer ist das Mozartjahr, sagt Protschka. Bei diesen Worten blicken wir beide in den Salon. Niemand hat uns gehört. 200ter Todestag, sagt Protschka, Sie kennen das ja, der Zeitgeschmack des großen Haufens, wie Rochlitz so schön sagte. Ich gehe auf eine Vortragsreise. 45 Vorträge in drei Monaten. Haben Sie einen Führerschein?, fragt Protschka. Ich nicke. Perfekt, sagt er. Sie müssen nur fahren und ein paar administrative Dinge erledigen. Wir haben überall gute Hotels. Hauptsächlich in Deutschland. Aber auch in der Schweiz und Österreich. Sind Sie dabei?

Nur, wer einen Salon hat, mit einem unberührbaren Flügel, begleitet seine Gäste auch zur Straßenbahn. Hat er dich gefragt?, fragt Kinga. Natürlich! Erst jetzt verstehe ich. Die ganze Aktion, der Besuch des Vaters, war darauf angelegt, dass ich Protschkas Chauffeur werde. Ich, ein Student der Musikwissenschaft, der es damit ohnehin nicht sehr ernst meint. Ich antworte nicht. Ich gehe zu Fuß, sage ich. Also, sagt Kinga, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Nein, heute ist nicht der Tag, um Kinga Tóth zu vergeben.

 

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